Sonderthemen

Grenzenlos : Zwei Perspektiven, eine Stadt:

Auf Zeitreise nach Ostberlin
Mit den Spezialbrillen lässt sich die Realität in dem schlauchartigen Raum ausblenden. Auf dem integrierten Monitor erscheinen statt dessen virtuelle Bilder.
Mit den Spezialbrillen lässt sich die Realität in dem schlauchartigen Raum ausblenden. Auf dem integrierten Monitor erscheinen statt dessen virtuelle Bilder.
Vor 30 Jahren ist die Berliner Mauer gefallen. Im TimeRide unweit des Checkpoint Charlie lässt virtuelle Technik sie seit einigen Wochen wieder auferstehen – als unterhaltsames Lehrstück für Jung und Alt. Karin Koslik (Jahrgang 1964) und Sebastian Schramm (Jahrgang 1990) haben die ungewöhnliche Reise angetreten und eine Stadt in zwei Welten erlebt.



Erinnerung an Apfelshampoo und „Erichs Lampenladen“

Von Karin Koslik

„Sitzt deine Brille richtig? Wenn du sie nachher wieder abnimmst, musst du vorsichtig sein, da schwankt vielleicht erst mal alles um dich rum.“ Sebastian, im selben Jahr geboren wie mein Sohn, hat natürlich schon Erfahrungen mit Virtual-Reality-Technik. Ich nicht.

Sebastian hatte auch die Idee zu dieser gemeinsamen Zeitreise 35 Jahre zurück ins geteilte Berlin. Für ihn ist es Neuland, für mich eine Reise in die Vergangenheit. Denn gleich nach dem Abitur, 1982/83, habe ich selbst in Ostberlin gelebt. Aber ob ich auf der virtuellen Bustour noch etwas wiedererkenne? Oder wird mir, was ich ein wenig fürchte, hier einmal mehr von Außenstehenden erklärt, was einmal „meine Welt“ war?

Im TimeRide sollen wir uns aus drei fiktiven Berlinern denjenigen auswählen, der uns auf unserer Zeitreise begleitet: Harry, einen – mit Verlaub – grantelnden Rentner vom Prenzlauer Berg, Elke, eine freie Architektin, oder Michael, der nach dem Abi aus Recklinghausen nach Kreuzberg gezogen war und Ostberlin lange als „Disneyland für Depressive“ erlebte – bis er sich ausgerechnet dort verliebte…

Auch wenn Michaels Geschichte am spannendsten klingt, wähle ich Elke – denn ihre Biografie kommt meiner am nächsten. Pionierorganisation, FDJ, Abitur, Studium, ein Elternhaus, das die DDR nicht in Frage stellte. Die Mauer war da, solange man denken konnte. Elkes Weltbild geriet erst ins Wanken, als ihr Mann ins Visier der Staatssicherheit geriet. Nicht nur er, auch sie wurde schließlich ihren Job als Architektin los, landete als Hilfskraft in einer Küche.

All das erzählt meine fiktive Reiseleiterin, während unser „Bus“ an Fahrt aufnimmt. Über den Checkpoint Charlie soll es in den Ostteil der Stadt gehen. Wie Elke kenne ich den legendären Grenzübergang lediglich als Touristenattraktion aus Nachwendezeiten. Auch die Bilder, die jetzt auf den Bildschirm in meiner Brille projiziert werden, habe ich nie live gesehen: Scheinwerfer, Grenzer mit Hunden, ein Auto, das gefilzt wird… Bei uns geht die Kontrolle schnell. Dann geht es über die Friedrichstraße zum Gendarmenmarkt. Sowohl der Deutsche als auch der Französische Dom sind noch Ruinen, zur 750-Jahrfeier 1987 sollen sie wieder aufgebaut werden, erzählt Elke. Die Bauarbeiten laufen gerade – und immer wieder sieht man Arbeiter das eine oder andere Paket in einem Privat-Pkw verstauen. Sozialistische Marktwirtschaft… Der Bus biegt in die Leipziger Straße. Die Hochhauswohnungen dort bekam zu meiner Berliner Zeit nur, wer beste Beziehungen oder hohe Funktionen hatte. Doch auch hier gibt es auf unserer virtuellen Fahrt vor einigen Geschäften lange Schlangen. Oh ja, an die erinnere ich mich auch. Trotzdem, was habe ich damals nicht alles aus Berlin mit nach Hause geschleppt: Bulgarische Keramik und polnische Schallplatten aus der Straße Unter den Linden. Kordhosen und Kinderbücher. Und Apfelshampoo, warum auch immer…

Auf der Weiterfahrt zum Palast der Republik gleiche ich immer wieder die virtuellen Bilder mit denen in meinem Kopf ab. Viel an Erinnerungen ist nicht mehr da. Ja, wir waren manchmal im Palast essen, vor allem in der Eisbar. Und ja, „Erichs Lampenladen“ trug diesen Spitznamen zu Recht, auch wenn ich ihn nie gebraucht habe. Aber den großen Busparkplatz daneben hätte ich nicht wiedererkannt…

Die knappe Stunde im TimeRide vergeht wie im Fluge. Meine Fahrt in die Vergangenheit ist keine „Wessis-erklären-Ostdeutschen-ihre-Vergangenheit“-Geschichte geworden – zum Glück. Was ich gesehen habe, war gut recherchiert und nicht schwarz-weiß gemalt. Dazu kommt: Elke war wirklich eine gute Wahl – auch wenn sie, wie unsere echte Begleiterin Therese Heilmann erzählt, am seltensten ausgesucht wird. Natürlich musste sie kritisieren, denn damals war nicht alles gut. Aber Elke blieb dabei immer sachlich. Genauso versuche ich später zu erzählen, woran ich mich aus den 80-ern in Ostberlin noch erinnere: An S-Bahn-Fahrten in verschlossenen Waggons durch den Todesstreifen und daran, dass ich tatsächlich mehrmals auf U-Bahnsteigen Männer gesehen habe, die durch ein Loch in ihrer Zeitung andere beobachteten. Ich erinnere mich aber auch an Schwalbennestersuppe im Fernsehturm-Restaurant, Grilletta und Kettwurst, für die man kurz vorm Roten Rathaus gern Schlange stand, an tolle Theaterabende im Berliner Ensemble und in der Volksbühne, an die Weltzeituhr als Treffpunkt, die damals irgendwie dreimal so groß wirkte wie heute…

„Ich bin froh, dass ich in der DDR groß geworden bin und dass ich in der BRD groß sein darf“, hat Elke am Ende unserer Tour gesagt. Ja, genauso hätte ich das auch ausgedrückt.