Sonderthemen

Grenzenlos : Universität im Umbruch

Mit dem Mauerfall ändert sich vieles an den Hochschulen der DDR: Die Lehrerausbildung wird an die Universitäten angegliedert, Marxismus und Leninismus abgeschafft, parteinahes Personal entlassen – manche Studiengänge bleiben auf der Strecke, manche Studierende auch. Katharina Golze blickte nach Rostock.
„Ich gehöre zum Inventar“: Theologe Dr. Klaus-Michael Bull ist seit 1981 an der Universität Rostock. FOTO: BOHLMANN
„Ich gehöre zum Inventar“: Theologe Dr. Klaus-Michael Bull ist seit 1981 an der Universität Rostock. FOTO: BOHLMANN
Der Reformer an der Universität 

Vom Mauerfall erzählte ihm ein Student im Fahrstuhl des Studentenwohnheims am Vögenteich: Dr. Klaus-Michael Bull, Theologe an der Universität Rostock, Neues Testament. 1989 war er gerade drei Jahre Assistent am Lehrstuhl, von 1981 bis 1986 hat er hier studiert. Und sich immer engagiert. In der Studentengemeinde, die ab 1987 Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen in der Petrikirche organisierte. „Wir haben auf die Art und Weise auch ein Stück Demokratie geübt.“ Ende 1989 ist der Dozent dann im Sprecherrat des akademischen Mittelbaus.

Aber erstmal änderte sich nichts: „Ich kann mich nicht an leere Hörsäle erinnern“, sagt er, aber: „Ein paar von uns Dozenten dachten, das ist jetzt der Trick der SED. Die versuchen jetzt den Druck vom Kessel zu nehmen.“ Doch so war es nicht. Stattdessen bildeten sich erste Gruppen, diskutierten eine neue Verfassung. Im Cafe Rostock traf sich der Sprecherrat des Mittelbaus, überlegte zur Zukunft der Hochschule. Zugleich versuchte die SED, ihre Macht zusichern: „Wir machen Reformen, wir machen Dialogveranstaltungen. Aber der Zug war schon weg.“

1990 gründete sich das außerordentliche Konzil. Professoren, Mittelbau und Studenten tagten, um eine demokratische Verfassung zu verabschieden sowie einen demokratisch legitimierten Senat und Universitätsrektor zu wählen. „Es saßen Leute im AO-Konzil, die sahen ihre primäre Aufgabe darin, das Ding platzen zu lassen“, sagt Bull. Sitzungsgestählte Lehrende, die erst diffus diskutierten und dann einen parteinahen Kandidaten als Vorsitzenden vorschlugen. „Wir vom Präsidium hatten ganz schön zu rudern, damit das AO-Konzil nicht gleich wieder in der ersten Sitzung koppheister geht.“ Doch sie überstanden die Torpedierversuche und verabschiedeten am 27. September 1990 ihre neue Verfassung. Ironischerweise auf dem ehemaligen Stasi-Stützpunkt Waldeck. „Das war eine Marathonsitzung. Es lag ein Verfassungsentwurf mit zig Änderungsanträgen vor“, so Bull, „wir haben diskutiert, bis der Letzte umfiel und mussten die letzte halbe Stunde immer appellieren, dass nicht zu viele gehen, so dass wir beschlussfähig bleiben.“ Nach vier Monaten war die Hauptaufgabe des AO-Konzils erledigt. Bis 1993 bestand er aber weiter, erst dann wurde das Hochschulgesetz in MV verabschiedet.

„Gerade in der Hochschullandschaft sind die westdeutschen Strukturen mehr oder minder eins zu eins übernommen wurden“, sagt Bull. „Nach westdeutschen Verhältnissen waren wir viel zu viele Leute.“ 1992 kam der massive Stellenabbau – nur Studentenstreiks minderten etwas. Systemnahe Institute wurden neu besetzt oder ganz geschlossen, wie die Lateinamerikawissenschaften. „Der gesamte Marxismus und Leninismus ist zugemacht worden, war klar“, sagt Bull. Die vier Vorlesungen und drei Seminare, ersatzlos gestrichen. Die Institute für Philosophie und Soziologie wurden neu aufgebaut, Studiengänge neu konzipiert. Ebenso das Geschichtsstudium. „Die alten Lehrenden waren dort zu 90 Prozent nicht zu gebrauchen.“ Neue Stellen wurden aber nicht direkt an Westdeutsche vergeben, sondern intern besetzt. „Nur wenn man keinen geeigneten Bewerber hatte, ist ausgeschrieben worden.“ Vor allem Juristen und Mediziner kamen aus dem Westen. Ihre Expertise fußte auf den internationalen Forschungsstand, von dem ostdeutsche Wissenschaftler teils abgeschnitten waren.

Viele Studenten konnten noch ihren Abschluss beenden, dank des Vertrauensschutzes, oder wechselten an westdeutsche Unis. An eine Abbrecherwelle kann sich Bull nicht erinnern. Das wohl größere Problem: Manche Abschlüsse hatten plötzlich keine Zukunft mehr. Landwirtschaftsstudenten hatten auf Posten in der LPG gehofft. Das Schulsystem wurde umstrukturiert, Stellen abgebaut. Landesweit wurde das Grundschullehramt an die Universität angegliedert. Auch in der Theologie bedeutete das umdenken: „Plötzlich mussten wir Religionslehrer ausbilden.“ 1992 entsteht ein neuer Lehrstuhl, für Religionswissenschaft und Religionspädagogik. Alles neu, aber Bull bleibt. „Ich gehöre zum Inventar.“