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Grenzenlos : Sein Vater spionierte im Westen für die Stasi

  
FOTO: KATHARINA GOLZE
FOTO: KATHARINA GOLZE
Von Katharina Golze 

Wenn Thomas Raufeisen von seinem Vater erzählt, kann er nur mutmaßen. Die ganze Geschichte kennt er nicht. Was er aber klar weiß: Sein Vater Armin war Wirtschaftsspion die für Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Als Geophysiker hatte er sich bei Preussag in Hannover eingeschleust. Einer Firma, die sich mit der Suche nach Bodenschätzen befasste. „Die Suche nach Erdöl war sein Thema, da hat er Informationen aus dem Betrieb weitergegeben“, sagt Thomas Raufeisen.

Armins Familie war im Zweiten Weltkrieg aus Preußen geflohen, und erst ein paar Jahre in Thüringen. Beim Bergbauunternehmen Wismut macht der junge Armin seine Lehre. Mitte der 50er Jahre wird er dann von der HVA angeworben. „Er war sehr überzeugt, abenteuerlustig, ehrgeizig im Beruf“, sagt sein Sohn. „1956 ist er im Auftrag der Stasi nach Westdeutschland gegangen.“ Armin Raufeisen inszeniert seine Flucht – wartet auf ein Abwerbeangebot einer westdeutschen Firma. Denn „mein Vater hatte zwar den Auftrag in den Westen zu gehen, aber das wusste nur eine Handvoll von der Stasi.“ Kurz vorher hatte er geheiratet – eine Frau aus Ahlbeck. Ihr Antrag auf Familienzusammenführung wird aber abgelehnt, sie flüchtet ein halbes Jahr später über Berlin. Unwissend. „Er hatte ihr gesagt, er bleibe im Westen wegen besserem Verdienst, besseren Karrierechancen. Bloß, dass er noch einen kleinen anderen Auftrag hat, hat er nicht gesagt.“


Erst zehn Jahre später erfährt die Mutter die wahre Absicht der Flucht. Sie stellt ihn zu Rede. Ihre Vermutung: Ihr Mann gehe fremd. Nur so kann sie erklären, warum er die Wohnung außerhalb der Arbeitszeit verlässt, ohne zu sagen, was er tut. „Er hat die Wahrheit gesagt und es war nicht besser“, sagt Raufeisen. Sie will, dass er aufhört. Er nicht. „Kündigen kann man bei so einem Verein ja nicht.“ Eher noch schlimmer: Sobald der Ehepartner von der Spionage erfährt, soll auch dieser angeworben werden. Die Mutter lehnt sofort ab. Auch als Hausfrau wäre sie für die Stasi interessant gewesen, so Raufeisen, indem sie beim Entschlüsseln von Geheimbotschaften hilft oder „wenn sie nur mal am Militärgelände spazieren geht.“

Die beiden Eheleute halten es weiter vor den beiden Söhnen geheim. Erst rückblickend entdeckt Thomas Raufeisen Indizien. „Ich habe mal plötzlich im Auto eine Minox-Kamera liegen sehen“, erzählt der 57-Jährige. Eine Kleinstbildkamera in den 1970ern. „Das war eine typische Kamera, um Unterlagen zu fotografieren.“ Die Begründung des Vaters: Ihn interessiere neue Technik. Ähnlich mit einem Radio. Kurzvor Weihnachten, auf der Suche nach den Geschenken, findet der zehnjährige Raufeisen ein altes Radio im Schlafzimmerschrank. „Mein Vater hat mir das Ding weggerissen und einen Riesenaufstand gemacht.“ In dem Radio war ein sehr breiter Kurzwellenbereich, weiß Raufeisen – um verschlüsselte Nachrichten abzuhören. Die Agenten sendeten damals monotone Zahlenreihen durchs Radio. Codes, die mit Codetabellen übersetzt wurden.

Einmal ist Thomas Raufeisen mit seiner Familie auch unwissentlich in einer Stasi-Gaststube. In den 1970ern fahren sie regelmäßig nach Berlin, zu der Familie nach Ahlbeck und Thüringen. „Wir sind dann auf Tagesticket in Osten.“Einmal trifft der Vater in Ostberlin einen alten Arbeitskollegen, „ein netter Zufall, ein sehr freundlicher Mensch“, so Raufeisen. Er lädt die Familie zum Essen ein – ins Restaurant Warschau in der Karl-Marx-Allee. „Der Treff der Stasi-Mitarbeiter.“

Dass sein Vater ein Wirtschaftsspion ist, erfährt Thomas Raufeisen erst 1979. Die Stiller-Affäre. Stasi-Oberleutnant Werner Stiller, Führungsoffizier für Westspione, flüchtet aus der DDR und verrät 60 Stasi-Agenten, auch Armin Raufeisen. Sofort werden die Ersten verhaftet. Familie Raufeisen gelingt vier Tage später die Flucht – zurück in den Osten. Am 22. Januar 1979 mit dem Auto auf der A2 nach Berlin. Kindern und Ehefrau sagt Armin Raufeisen, der Großvater liege im Sterben. Viel haben die Eltern nicht eingepackt, nur für eine Woche. Geplant hatte der Vater nichts, „das war eine Panikreaktion.“ Vielleicht hätte er seine Familie ansonsten gefragt, ob sie mitwollen. Im Hotel in Ostberlin lässt der Vater am nächsten Morgen die Bombe platzen. Auch seine Frau erfährt erst hier den wahren Grund der Reise – und dass sie in der DDR bleiben müssen.

„Mein Vater war für mich schlagartig fremd“, beschreibt Raufeisen das Gefühl damals als 16-Jähriger. Panik, Wut. „Das war ’ne Vollkatastrophe, wir waren westlich sozialisiert.“ Der ältere Bruder, bereits volljährig, kann elf Monaten später ausreisen, „wir anderen saßen in Ostberlin fest.“ Der Vater wird „abgeschaltet“, die Stasi braucht ihn nicht mehr. Auch er hinterfragt nach kurzer Zeit die DDR, vieles hatte er zuvor ignoriert. „Er wurde zum Gegner dieser Staatsmacht.“ Sie alle wollen nur raus. Doch ihre Ausreiseanträge werden abgelehnt, auch Hilfegesuche bei westdeutschen Behörden oder Kontakte zur CIA bringen nichts, „wir waren in der westdeutschen Botschaft in Budapest.“ Im September 1981 werden die drei verhaftet – wegen Fluchtversuch und Kontaktaufnahme, beiden Eltern zudem Spionage. Der Vater bekommt lebenslänglich, die Mutter sieben Jahre, Thomas Raufeisen drei. Im Oktober 1984 kann der junge Mann zurück nach Hannover. Er wird seinen Vater nie wieder sehen. Im Oktober 1987 stirbt dieser in Bautzen II. Eine Aussprache gibt es nie.
  

PERSONALIE

Thomas Raufeisen ist Zeitzeuge und freiberuflicher Referent für politische Bildung. Seine Geschichte erzählte er an den Tagen der politischen Bildung in Schwerin und Bützow. 2017 veröffentlichte er diese als Buch „Ich wurde in die DDR entführt. Von meinem Vater. Er war Spion.“

Ein Blick in eine Stasi-Akte

Der Weg zum IM

„Am 28.10.1967 wurde am Wohnort des Kandidaten Bärbel Zimmer* die Kontaktaufnahme durchgeführt.“ So steht es im Bericht über die Kontaktaufnahme. Dem ersten Bericht in Zimmers Stasi-Akte. Akkurat ist die Uhrzeit des Gesprächs notiert. Danach Tätigkeit, Arbeitsstelle, politische Organisationen der Kandidatin. „Die Kandidatin bewohnt in Greifswald* ein Einzelzimmer und es war dadurch die Möglichkeit vorhanden, die Kontaktaufnahme am Wohnort durchzuführen.“ An Zimmer interessiert die Stasi Vorgänge in ihrem Betrieb. Der DDR-Geheimdienst fürchtet um dessen „politischen und moralischen Zustand“. Zimmer soll „unser Ministerium über alle betrieblichen Probleme, die den Verdacht einer Feindtätigkeit zulassen“, informieren, heißt es in dem Bericht. Die Frau erklärt sich bereit, „das MfS zu unterstützen“. Sie habe lediglich Bedenken bezüglich der zur Verfügung stehenden Zeit und was sie sich unter der Zusammenarbeit vorstellen könne. Sie versichert aber, gewissenhaft zu berichten.

Notiert wird neben Angaben zu Eltern, Geschwistern und Partnern auch, dass Zimmer ein ruhiges, aber nicht unsicheres Auftreten habe. Sie habe eine klare politische Haltung und „sah die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit.“ Sie plant eine neue Stelle anzunehmen, die mehr Informationen verspricht.

Noch am selben Abend unterzeichnet sie die schriftliche Verpflichtung – „ohne zu zögern“. In schnörkeliger Handschrift schreibt sie, freiwillig das MfS zu unterstützen, und: „Mir ist bewußt, daß ich über diese Zusammenarbeit mit keiner Person sprechen darf. Dieses gilt auch gegenüber Vorgesetzten, Dienststellen, Gericht und Polizei.“ Sie nennt ihren Decknamen für die Verbindungsaufnahme. Sie hießen Ewald, Paul oder Petra. Manche haben Vor- und Zunamen,andere nur einen Spitznamen, wie Schwalbe.

Im Dezember 1967 schreibt Zimmer die ersten Treffberichte. Aber sie wird von der Stasi weiter beobachtet. 1968 gibt ein IM eine Einschätzung zu Zimmer, 1969 folgt die kaderpolitische Überprüfung – hat sie Kontakt zu Verwandten im Westen? Im Dezember 1971 wird sie wieder einbestellt. „Dem IM wurde grundsätzlich die Frage der weiteren inoffiziellen Zusammenarbeit gestellt.“ Sie besteht den Test.

*Namen, Orte und Datum geändert