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Grenzenlos : Inseln, Dachpappe, Tagesschau: Was wirklich zum Mauerfall führte


FOTO: DPA/RALF HIRSCHBERGER
FOTO: DPA/RALF HIRSCHBERGER
Von Katharina Golze 

Massen-Demonstration auf dem Alexanderplatz, die Republikflüchtlinge in der Prager Botschaft, Günter Schabowskis Unwissenheit. Das sind Schlüsselmomente vor dem Mauerfall. Doch schon Jahre zuvor hat es gebrodelt: Im Politbüro,unter den Bürgern, in Moskau. Vielleicht schon 1949 mit der Einführung der Planwirtschaft. Die Ursachen des Umsturzes.

Die Kirche

Ältere Herrschaften, vielleicht Zeitzeugen, reihen sich an junge Studierende im Hörsaal 323, Universität Rostock. Leises Gemurmel, Bleistift rauscht über Papier. Am Rednerpult steht Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker aus Berlin. Doch nicht, wie angekündigt, spricht er über das Ende der SED-Diktatur und die Revolution 1989, „weil mir das viel zu breit erscheint, um das Thema in 45 Minuten abzuhandeln.“ Zu komplex sind die Strukturen und Entwicklungen, die zum 9. November 1989 führten. Kurzerhand fokussiert er sich auf die Rolle der Kirchen.


Historiker Stefan Creuzberger. FOTO: MARIA TSCHASSOWSKAJA
Historiker Stefan Creuzberger. FOTO: MARIA TSCHASSOWSKAJA
Bereits seit den späten 1970ern organisierten sich Bürgerbewegungen: Kirchliche Gruppierungen, Friedensbewegungen, Umweltgruppen. Rund 5000 Akteuren gab es in der DDR. „Kirche war die einzige verbliebene Großinstitution, die eigenständig und unabhängig von der SED in der DDR agierte“, sagt Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk. Ihre Räume, Schulen, Hochschulen waren „Inseln freiheitlichen Denkens, Lernens, Arbeitens, Sprechens“.Das wissen auch systemkritische Bürger, seit Anfang 1988 kamen viele Ausreisewillige zu den Friedensgebeten. Oft schlossen sich Demonstrationen an. Die Politisierung der Gebete war der Kirchenleitung ein Dorn im Auge. Der Kompromiss: Statt Friedensgebete heißen sie Montagsgebete. „Das revolutionäre Potenzial der Kirchen war die Hoffnung und der Glaube, so dass sie gegenüber politischen Schwierigkeiten nicht einknickte“, wirft Gast Heiko Lietz, DDR-Bürgerrechtler aus MV, im anschließenden Dialog ein.

Die Stasi

Auch die kirchlichen Gruppen im Norden sind seit Mitte der 1980er aktiv. „Die drei Nordbezirke gehören nicht zu den Schlusslichtern. Da formiert sich sehr viel Opposition, gerade im kirchlichen Milieu“, ergänzt Prof. Stefan Creuzberger, Historiker an der Universität Rostock. Er forscht und lehrt zur deutschen und osteuropäischen Zeitgeschichte, ist Experte zum Mauerfall – und weiß: Die SED sah die Bürgerbewegungen nicht als Gefahr. „Sie sind zwar von der Staatssicherheit wahrgenommen, aber nicht ganz ernst genommen worden“, sagt Creuzberger. Die Stasi beobachtete, schickte IMs. „Sie haben sie zwar unterwandert, aber nicht wirkungsvoll zersetzt. Aus Sicht der SED hat die Stasi versagt.“ Lieber schützten sie ihre Informanten, die auch Teil der Bürgerbewegung waren. „Das ist die Ironie der Geschichte“, so Creuzberger.

Im Hörsaal in Rostock: Gastdozent Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk . FOTO: GOLZE
Im Hörsaal in Rostock: Gastdozent Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk . FOTO: GOLZE
Das Politbüro

„Die Kernmannschaft“ nennt Stefan Creuzberger das Politbüro um Erich Honecker. „Sie hatten eine vollkommen überalterte Führungsstruktur, die die Zeichen der Zeitverkennt.“ Während Michail Gorbatschow 1985/86 Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit) für die Sowjetunion forderte, sah das DDR-Politbüro keine Notwendigkeit für den Umbau der Wirtschaft oder die Öffnung gegenüber dem Westen. Honeckers Regierung grenzte sich viel eher vom Kurs ihres langjährigen Vorbilds ab – wie Kurt Hager, SED-Politbüromitglied, 1987 in einem Interview mit dem westdeutschen Magazin Stern verdeutlichte: „Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu renovieren?“

Indem sie sich aus dem Reformprozess ausklinkte, manövrierte sich die SED in eine Führungskrise, sagt Creuzberger. Polen und Ungarn überholen die DDR mit ihren rechtsstaatlichen Entwicklungen. In Polen wurde im Sommer 1989 sogar erstmals im Ostblock ein Nichtkommunist Ministerpräsident. Das offenbarte zugleich: Der DDR-Regierung fehlte eine demokratische Legitimation. Und motivierte, den Nachbarländern nachzueifern.

Die Westmedien

Eine zentrale Rolle dabei spielten die Bundesrepublik und dessen freie Berichterstattung, „die tagtäglich, allabendlich in der DDR empfangen werden konnte.“ Und alles in deutscher Sprache. Nicht nur die „Aktuelle Kamera“, auch die „Tagesschau“, die „Heute-Nachrichten“ oder der Deutschlandfunk wurden 1988/89 zum Korrektiv, zum Informationskanal der Bürger. „Man konnte alles mitbekommen, das man nicht in den DDR-Zeitungen lesen konnte“, wie die Entwicklungen im Ostblock. Zur Frühjahrsmesse in Leipzig durften ARD und ZDF sogar einreisen und berichteten von den Friedensgebeten und Demos. Die SED verschloss die Augen.

Die Planwirtschaft

„Wenn man sich die Politbüroprotokolle und die ZK-Gespräche anguckt: Die gingen von einer Normalität aus“, sagt Creuzberger. Besprochen wurde, dass die Bevölkerung mit Telefonen, Dachpappen oder BHs versorgt werden sollte. Alternative Wege für die DDR, „Ventile, um mal den Dampf rauszulassen“, wurden hingegen nicht bedacht. Hinzu kam: „Der ökonomische Niedergang war nicht mehr aufzuhalten.“ Die Planwirtschaft war nicht mehr tragbar, die DDR stark verschuldet. Über Subventionen wurde die Ökonomie künstlich am Leben erhalten. Und Honecker pumpte noch mehr Geldin die Sozialpolitik – mehr Konsum und Wohnungen zur Besänftigung der Bürger, aber alles „auf Pump finanziert“. Unter Egon Krenz kam dann die ernüchternde Bilanz: Die DDR ist zahlungsunfähig und braucht den Westen zum Überleben. Auf die Sowjetunion brauchte sie nicht mehr zu hoffen, sie steckte selbst im Umbruch.

Die Flucht

Vertrieben von der Perspektivlosigkeit und Mangelwirtschaft flüchteten immer mehr Bürger. „Gerade im Jahr 1989 nimmt die Flucht rapide zu und ist kaum noch in den Griff zu bekommen.“ Die Abstimmung mit den Füßen. Schlüsselmomente sind etwa die Prager Botschaft und die Öffnung der ungarischen Grenze im Herbst 1989. Seit dem 4. November durften DDR-Bürger über die Tschechoslowakei ausreisen. 50 000 nehmen diesen Weg.

Für die DDR ein Problem: Sie verlieren scharenweise gut ausgebildete Bürger. Ihre kurzfristige Lösung: Eine Reiseverordnung, die ab 10. November 1989 Anträge zur ständigen Ausreise genehmigen soll. Doch am 9. November kommt es zum berühmten Eklat: SED-Politbüromitglied Günter Scharbowski sagt, die Regelung gelte „sofort, unverzüglich“. Die Massen stürmen die Berliner Mauer, Grenzzäune und Wachtürme. Die Mauer ist durchlöchert. Der Mauerfall. Legitimiert von Moskau, sodass die gefürchtete chinesische Lösung abgewandt werden konnte.

Die Revolution

„Der Mauerfall ist ein immenser Katalysator, der die Revolution und das Selbstbewusstsein der Menschen auf der Straße beflügelt.“ In Rostock gab es etwa Märsche, Mahnwachen, „sie gehen auf die Stasi zu, übernehmen letztendlich die Stasi-Zentrale.“ Creuzberger betont: „Der Nordosten hat hier nicht geschlafen.“

Die friedliche Revolution bekäme mit dem Mauerfall eine neue Dynamik,erklärt der Historiker.„Alte Strukturen lösen sich zusehends auf, bedingt durch die Eigendynamik der friedlichen Revolution.“ Die Partei streicht im Dezember das Führungsmonopol aus der Verfassung, das ZK wird aufgelöst, das Politbüro tritt zurück, und letztlich geht auch Egon Krenz.

„Es war nicht von Anfang an als Revolution gedacht, sondern als Reformvorhaben.“ Zumindest so bei den Bürgerbewegungen und den Runden Tischen. „Sie wollten die DDR nicht abschaffen, sondern verändert erhalten. Partizipation erreichen, rechtsstaatliche Prinzipien, und es war nicht eine endgültige Revolution, also eine Ablösung des Regimes angedacht.“ Ihre Ideen wurden Motivation für die Massen und zugleich entscheidend, dass es eine friedliche Revolution blieb, sagt Creuzberger. Doch die Revolution fresse ihre Kinder. Die breite Masse auf der Straße überholte die Reformideen der Bürgerbewegung. Stattdessen wollten sie die Einheit. „Weg von einem deutschen Sonderweg in den Farben der DDR.“ Und hin zur nationalen Wende und Rufen wie „Wir sind ein Volk“. Die Wende.

Die Wende

Doch von diesem Begriff distanziert sich Creuzberger: „Der Begriff Wende ist belastet.“ Erstmals nannte ihn Helmut Kohl 1982: Er forderte eine „geistig-politische Wende“, von sozialliberaler Koalition zur christlichliberalen. Noch vor dem Mauerfall wählte dann auch SED-Generalsekretär Egon Krenz den Terminus. „Das suggeriert, dass die Veränderungen von oben, von der SED herbeigeführt worden sind“, sagt Creuzberger. Dabei war es das Volk. Das würde nicht der friedlichen Revolution gerecht. Der Historiker favorisiert hingegen den Begriff „Wendejahre“, „weil hier das Prozesshafte deutlich wird.“

Als Höhepunkt benennt er das Jahr 1989: „Der Wendeprozess, der sich 1985 in der UdSSR formiert, der die friedliche Revolution, die nationale Wende, den Vereinigungsprozess 1989/90 bis zum 3. Oktober beinhaltet und die Nachwendephase, die Transformation.“