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Grenzenlos : Geboren am Tag des Mauerfalls, geblieben und glücklich im Osten


Gemeinsam stöbern Oma Anke Hartmann, Vater Martin und Sohn Falco in den alten Fotoalben zu Martins Geburt. FOTO: VOLKER BOHLMANN
Gemeinsam stöbern Oma Anke Hartmann, Vater Martin und Sohn Falco in den alten Fotoalben zu Martins Geburt. FOTO: VOLKER BOHLMANN
Von Katharina Golze 

„Na in Berlin gabs doch ne Mauer, ne?“, beginnt Martin Hartmann. „Ja?“, antwortet sein achtjähriger Sohn Falco fragend. „Und die DDR kennst du auch? Das war ja ein geteiltes Deutschland. Einmal Ost- und einmal Westdeutschland. Und als diese Mauer gefallen ist, das war am 9.11.1989. Da, wo Papa geboren ist.“ Martin Hartmann ist ein Wendebaby. Morgen wird er seinen 30. Geburtstag feiern – ein besonderer Tag für die Familie, aber auch für die ganze Nation. Martin Hartmann sitzt mit seinem Sohn in der Wohnstube seiner Mutter Anke in Rostock, sie blättern in alten Fotoalben. „Hier warst du ganz frisch“, deutet Anke Hartmann auf ein Farbfoto. Martin mit zwei Wochen. Die Mutter hat den 9. November noch ganz genau vor Augen.

„Ich lag im Krankenhaus, hatte entbunden. Um 10.10 Uhr kam Martin. Dann kam der Papa und hat gesagt, die Grenzen sind auf“, erzählt die heute 55-Jährige. „Für mich war das sehr überraschend.“ Vor der Entbindung lebte sie mit ihrem ersten Sohn Hans auf dem Land bei ihrer Großmutter, der Vater studierte in Leipzig an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK). Die Montagsdemos waren weit weg. Viel habe sie nicht mitbekommen, sagt sie, nur dass manche Kollegen nicht aus dem Urlaub wiederkamen. Am Tag nach dem Mauerfall fährt ihr Mann direkt in den Westen, Anke Hartmann wartet im Krankenhaus. „Ich wollte auch rüber fahren“, sagt sie, doch habe etwas abgewartet. Die erste Fahrt geht im Dezember mit dem noch neugekauften Trabbi nach Bad Schwartau – die hundert Mark Begrüßungsgeld abholen. Eine ihrer ersten Eindrücke : „Im Westen schobst du mit den Kinderwagen durch die Reihen.“

Das Martins
Im Osten blieben sie vor dem Laden stehen. „Das war für mich damals eine ganz andere Welt“, sagt die Mutter. In den Kaufhäusern habe sie aber kaum geschaut. „Ich wollte auf eine Videokamera sparen.“

Wieder zuhause gab es in den DDR-Kaufhäusern noch nicht viel: West waren waren noch sehr teuer. Die Babynahrung kochte Anke Hartmann aus Möhren. „Wir hatten Glück, dass mein Mann an der DHfK war und mal Babysaft oder Bananen mitnehmen konnten“, erinnert sie sich. Erste Einwegwindeln brachten die Verwandten aus dem Westen. 1990 kommt Martin dann in die Krippe, der eineinhalb Jahre ältere Bruder in den Kindergarten. Jetzt kann die Mutter erstmals modische Kleidung für die Kinder kaufen, die Familie zieht in die erste eigene Wohnung.

In der Grubenstraße, sie bauen sich ein eigenes Bad ein. Endlich gibts Material. Heute sagt sie: „Ich hätte mich in der DDR gefreut, in der Platte zu wohnen.“ Sie lacht. Mit einem Kind, dem Mann in Leipzig, hatte sie keinen Anspruch auf eine Wohnung. Sie teilte sich ein Drei-Raum- Apartment mit zwei Anderen. „Das war für mich schon ein Engpass.“ Also zog sie aufs Land zu ihrer Großmutter. „Erst als Martin geboren wurde, hatten wir eine Wohnung.“ Seitdem ist viel passiert: Anke Hartmann macht sich als Zahnärztin selbstständig, der Vater gründet eine Schwimmschule, Mitte der 1990er bauen sie ein Haus. Direkt nach der Wende sei sie euphorisch gewesen, sagt Anke Hartmann nachdenklich. Heute empfindet sie Vieles als stressiger. Unübersichtlicher. Weniger hilfsbereit. Heute arbeite man länger, habe weniger Zeit für die Kinder. Sie sagt, die DDR hatte auch gute Seiten. „Das, was ich aber vermisst habe, waren Wohnung, modische Sachen, Reisen. “Das Reisen haben sie dann nachgeholt: Kuba, Brasilien und jedes Jahr im Skiurlaub.

Fragt man Martin nach den neuen Chancen, muss er erst überlegen. „Ich kannte es ja gar nicht anders, ich bin so reingewachsen. Für mich war das immer normal.“ Ost, West gibt es in seiner Generation kaum noch. Und von der DDR habe er nicht viel mitbekommen. „Natürlich hatte man das im Geschichtsunterricht“, sagt der 29-Jährige, aber auf seiner Geburtstagsfeier war das nie Thema. In seinem Umfeld wird er aber öfter auf sein Geburtsdatum angesprochen. „Das ist ein historisches Datum. Die Leute können sich das auch besser merken“, sagt er.

Martin Hartmann wächst im vereinten Deutschland auf, erkennt die DDR nur aus Erzählungen. Er reise viel, nach Ägypten oder Mallorca, sagt der Rostocker. Er hätte sich auch vorstellen können, in die Großstadt zu gehen – so wie sein älterer Bruder nach Hamburg. Was ihn damals hielt, waren die Metal-Bands, in denen er spielte, und die Freunde. Heute ist es sein Sohn.

„Falco ist gekommen, da war ich gerade 21“, erzählt er. Martin Hartmann ist allein erziehend, wochenweise wohnt Falco bei ihm. Der Vater arbeitet im Stadtamt. Gerade macht er eine Fortbildung für den gehobenen Dienst – „immer Freitagabend und Samstagvormittag.“ Er scheint glücklich in Rostock. Für ihn gebe es genügend Angebote, sagt er und findet: „Rostock ist eine wunderschöne Stadt, nicht zu groß und nicht zu klein.“