Sonderthemen

Grenzenlos : Einfach so von Ost nach West

  
Statt virtueller Realität ein Abstecher zu dem, was heute vom Grenzübergang Checkpoint Charlie übrig ist: Reporter Karin Koslik und Sebastian Schramm FOTOS: VOLKER BOHLMANN
Statt virtueller Realität ein Abstecher zu dem, was heute vom Grenzübergang Checkpoint Charlie übrig ist: Reporter Karin Koslik und Sebastian Schramm FOTOS: VOLKER BOHLMANN
Von Sebastian Schramm 

Nicht jeder wird meine Worte verstehen. Und, zugegeben, ein wenig komisch sind sie schon. Vor allem, wenn man bedenkt, aus welchem perfiden Grund die DDR überhaupt 40 Jahre existieren konnte: Indem sie das eigene Volks einsperrte.

Trotzdem: Ich bin neidisch. Neidisch auf all jene, die in der DDR lebten, sie wahrnahmen. Für mich können nur sie authentisch erzählen, wie es damals wirklich war. Wie gerne würde ich das können.

Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind an den Lippen meiner Großeltern hing, wenn sie über die Zeit erzählten. Mein Großvater war Ingenieur und sollte nach Kairo, ins NSA, ins nicht-sozialistische Ausland. Die Staatssicherheit durchleuchtete daraufhin die gesamte Familie. Meine Großmutter lacht heute darüber. Ich weiß nicht, ob es Schutz oder tatsächlich Belustigung ist.


Egal, auf welcher Seite der „Mauer“ man steht: In der ersten Station im TimeRide sehen alle Besucher die gleichen Filmszenen aus der geteilten Stadt.
Egal, auf welcher Seite der „Mauer“ man steht: In der ersten Station im TimeRide sehen alle Besucher die gleichen Filmszenen aus der geteilten Stadt.
Eine Anekdote bringt sie immer wieder: Wie sie morgens in Dessau aus dem Haus ging, um Brötchen zu holen und auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihr Bewacher schon auf sie wartete. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihn mit einem „Huhu“ zu begrüßen. Später, in den Akten, wird stehen, dass die Familie Stender intakt ist, gesellschaftlich integriert, zwei Töchter, ihre Freizeit verbringen sie gerne im Garten. Nach Kairo gingen sie nicht.

Womöglich habe ich deswegen Geschichte studiert. Ich wollte verstehen. Im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Rostock besuchte ich Seminare über die DDR. Dort gab es auf meine Fragen wissenschaftlich-nüchterne Antworten. Aber kann ich deshalb wirklich mitreden? Vielleicht ist es so: Wer über Akten hängt, kann nachvollziehen. Wer aber mit eigenen Augen sieht, der versteht wahrhaftig.

Nun ist die Welt bei TimeRide keine echte, nur eine virtuelle. Aber ich hoffe, dass sie ein Schritt in Richtung mehr Verständnis und Vorstellung ist. Es ist erstaunlich, wie zügig sich Augen und Verstand an die virtuelle Realität gewöhnen.

Ich schaue nach links und kann den Busfahrer sehen, wie er auf den Checkpoint Charlie zufährt, ich höre ihn sogar vor sich hin nörgeln, ein Berliner eben. Schaue ich nach rechts, raus aus dem Fenster, sehe ich ein tristes Berlin. Die Gebäude, die Straßen. Das also soll der Westen in den wilden Achtzigern sein, Ort der Sehnsüchte und Träume? Dann, der Grenzübergang. Soldaten mit grimmigem Blick umkreisen den Bus. Nach kurzer Zeit geben sie ihr Okay. Es ruckelt einmal kräftig. Wir sind in Ost-Berlin.

Tatsächlich habe ich eine Vorstellung von der DDR, die sich auf zwei Worte verdichtet: grau und trist. Und es ist wirklich so. Ich kann den abgeplatzten Putz an den Fassaden erkennen, an einigen Straßenecken gibt es Läden, vor denen sich lange Schlangen bilden, es muss neue Ware gekommen sein.

Sonst sind kaum Menschen unterwegs. Dazu die einsetzende Dämmerung. Als der Bus auf die Leipziger Straße abbiegt, kann ich erstmals bewusst die Bilder abgleichen. Freunde von mir studierten vor Jahren in Berlin. Auf der Ecke waren wir oft mit dem Fahrrad unterwegs. Früher war die Leipziger Straße ein sozialistischer Boulevard, prächtig und breit, die Zurschaustellung der eigenen Stärke, die aber – so erzählten es die Professoren im Seminar – gar keine war.

Heute verbindet die Straße die beiden Herzen Berlins, den Alexanderplatz und den Potsdamer Platz. Sie ist Kit der vereinten Hauptstadt. Die Plattenbauten von damals sehen heute noch genauso aus. Wo damals der Konsum war, ist heute ein Lidl. Nur ist hier anders als heute kein Stau. Eigentlich fahren auf den Straßen gar keine Autos. Nur ein Dienstfahrzeug der Volkspolizei rauscht mit Sirene an uns vorbei. Viel zu schnell endet die Fahrt vor dem Palast der Republik, Zentrum der Diktatur, der Laden mit den Lampen.

Was bleibt nach der kleinen Reise durch Ost-Berlin? Meine Idee von der DDR war nicht weit weg von der Realität, zumindest von der virtuellen. Auch ist die Fahrt eine Erinnerung daran, wie frei wir heute sind.

Nach der Zeitreise blinzeln Karin und ich in die Oktobersonne Berlins, wir haben noch Zeit, bis wir wieder nach Schwerin zurückfahren. Wir gehen die Zimmerstraße hoch in Richtung Checkpoint Charlie, um dort noch ein paar Fotos zu machen. Von Ost nach West. Einfach so.