Sonderthemen

Grenzenlos : Die Zeit war reif für ein Wunder

Vor 30 Jahren meldete sich das Neue Forum beim Rat des Bezirkes in Schwerin an – die Gruppe um Martin Klähn und Uta Loheit war DDR-weit die erste
Einen anderen Sozialismus zu gestalten – darum sei es damals gegangen: Uta Loheit (M.) mit Anne Drescher und Burkhard Bley. FOTOS: VOLKER BOHLMANN 
Einen anderen Sozialismus zu gestalten – darum sei es damals gegangen: Uta Loheit (M.) mit Anne Drescher und Burkhard Bley. FOTOS: VOLKER BOHLMANN 
Sie war 30 Jahre alt. Noch genug Zeit im Leben. Keine Startlöcher mehr, aber auch kein Ziel in Sicht. Doch diese mitreißenden Tage im Herbst 1989, das Bangen und das Hoffen, sie spürte es sofort, es überkam sie regelrecht. Die Mauer war auch ihretwegen gefallen.

Uta Loheit blickt ins Leere, versunken in Gedanken, all das ist 30 Jahre her. In ihrem Rücken türmen sich Bücher, in denen geschrieben steht, warum die DDR zusammenbrach. Aus ihren Augen liest man Glück. Ihre Stimme ist weich. „Da habe ich auch gesagt: Das größte Ereignis in meinem Leben habe ich schon erlebt.“

Uta Loheit ist 60 Jahre alt. Ein halbes Leben DDR, ein halbes Leben BRD. Innerdeutsche Teilung, ganz persönlich. Als Tausende Menschen im Frühjahr und Sommer 1989 anfingen, mit ihren Füßen abzustimmen, vorbei an Stacheldraht und Schlagbäumen, entschied sie sich zu bleiben. Heute, mit dem Blick zurück, lässt sich das schreiben: Sie, die Pädagogin, redete so lange über Veränderungen, bis die Revolution kam. Dabei wollte sie das nicht. Sie wollte keinen Umsturz. Dafür eine andere DDR. Das Hier und Jetzt verändern. Mehr Freiheit, mehr Meinung. Einen Raum, um über die Probleme zu reden.

Neben der schwungvollen Unterschrift von Martin Klähn sieht ihre sauber, beinahe zurückhaltend aus. In Druckschrift schrieb sie ihren Namen unter den Brief an Herrn Schwörke, den stellvertretenden Vorsitzenden für Inneres des Rates des Bezirkes Schwerin. Es war der 18. September 1989. „Hiermit teilen wir Ihnen mit, daß wir gemäß §3 der Verordnung vom 06.11.1975 die Tätigkeit des „Neuen Forum“ anmelden.“

Es war die erste Anmeldung einer Gruppe des Neuen Forums in der DDR. Nicht Berlin, Sinnbild der Teilung, nicht Leipzig mit seinen Montagsdemonstrationen, sondern Schwerin war der offizielle Startpunkt der Bewegung. Der Norden schlief nicht. Knapp eine Woche zuvor, am 9. und 10. September, hatten 30 Bürger im Haus von Katja Havemann in Grünheide einen Aufruf verfasst, eine neue Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft müsse her. Sie schlossen mit dem Satz: „Die Zeit ist reif!“

Uta Loheit sollte auch da sein. Aber sie konnte nicht. Martin Klähn fuhr hin und brachte den Geist von Grünheide nach Mecklenburg.

An diesem Vormittag ist es andersherum. Martin Klähn kann nicht. Er ist im Urlaub. Deshalb erzählt sie ohne ihn vom Geist der damaligen Zeit. Die Idee erfülle sie noch heute, sagt sie, „dass alle miteinander sprechen. Und die finde ich genial, ehrlich gesagt. Den Versuch fand ich weitreichend“. Sie sagt Versuch. Wie passend: Sie wussten nicht, was passieren würde. Zwar strebten sie nicht nach der Revolution, dem Konter, aber sie berührten mit ihren Forderungen nach der Freiheit des Einzelnen den Kern, die Grundlage des Staates: Es konnte ihn nur noch geben, weil er seine Bürger eingemauert hatte und nicht mehr gehen ließ. Die Arme der Partei waren lang, Schild und Schwert stets gezückt. Hatte sie Angst?

Uta Loheit denkt laut. „Hatten wir Angst?“ Sie blickt rüber zu Anne Drescher und Burkhard Bley. Damals Gleichgesinnte und Wegbegleiter Loheits, heute arbeiten beide an der Aufklärung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern, Drescher als Landesbeauftragte, Bley als ihr Stellvertreter. Sie schütteln den Kopf. Loheit sagt: „Nö. Wir haben uns ja getroffen, um keine Angst haben zu müssen.“

Vielleicht hatten sie wirklich keine Angst. Der romantische Blick zurück. Jeder weiß, wie das ausgegangen ist. Honecker und Mielke sind tot, es lebe die Freiheit, auch die der Andersdenkenden.

In den Tagen nach der Anmeldung des Neuen Forums aber, ihre Ideen waberten durch die Straßen Schwerins, lebten sie gefährlich. An den Wohnungen von Klähn und Loheit, auch an denen ihrer Freunde und Fürsprecher klingelten Menschen, die sie nicht kannten. Sie hätten da was gehört: Es soll Listen geben. Neues Forum oder so. Endlich etwas verändern. Ob sie sich eintragen könnten? „Wenn ein Fremder klingelte“, sagt Drescher, „und sagte, hier soll eine Liste liegen, hätte das ja durchaus einer von der Stasi sein können oder eine Finte, Namen fotografieren oder die Liste einziehen.“

Aber jene, die an den Türen klingelten, trugen sich mit Namen, Beruf- und Adresse ein. Pädagogen, Ingenieure, Konstrukteure, Jungfernstieg 8, Bischofstraße 6, Schäferstraße 13. „Ein Akt der Selbstermächtigung“, sagt Drescher. „Es war wie ein Dammbruch.“

Auch Pastor Rietzke aus der Paulskirche hatte eine Liste. Abends, erzählt Drescher, habe er sie in einen Umschlag gepackt und unter sein Bett gelegt. Darauf standen zwei Namen, an die der Umschlag gehen sollte, darunter die Botschaft: „Falls ich aus dem Verkehr gezogen werde.“


Heute liegt die Liste des Neuen Forums in Schwerin bei Anne Drescher (links), der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Heute liegt die Liste des Neuen Forums in Schwerin bei Anne Drescher (links), der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Bis Ende September zählte das Neue Forum in Schwerin etwa 200 Unterschriften. Es hatte schon erste Treffen gegeben, in Wohnungen, in Cafés oder Kneipen. Unterhaltungen darüber, wie das gehen kann: eine andere DDR. Eine Euphorie durchfuhr sie. Sie wollten mehr. Sie wollten eine Struktur.

Am Abend des 2. Oktober lud die Gruppe um Loheit und Klähn in das Gemeindehaus der Paulskirche in der Bäckerstraße, um die Menschen kennenzulernen, die auf den Listen unterschrieben hatten. Es kamen 1000 Leute. „Ein Wunder“, sagt Loheit.

Die, die es nicht in den Raum geschafft hatten, standen dicht gedrängt vor den Fenstern. Von dort wurde das weitergegeben, was drinnen gesagt wurde. Aber es funktionierte nicht. Sie mussten in die Paulskirche umziehen. Das Problem: Wären alle zusammen in einem Zug zur Kirche gegangen, wäre es so etwas wie eine Demonstration gewesen. Angemeldet hatten sie nichts. Aufgeteilt in kleine Gruppen gingen sie den halben Kilometer zur Kirche.

Illusionen hatten sie keine. Die Staatssicherheit wusste längst Bescheid. Noch in derselben Woche, am Freitag, trafen sie sich erneut in der Paulskirche. Anne Drescher erinnert sich an das offene Mikrofon. Jeder konnte sprechen. „Da sind Leute aufgestanden, haben ihren Namen und die Adresse gesagt und dann das Thema, zu dem sie sprechen wollten. Es war sensationell.“

Unter den Besuchern waren etwa 30 Leute, die von der Staatssicherheit geschickt worden waren. In der Paulskirche gab es Klappsitze. Pausenlos ließen sie die Sitze fallen, damit nicht zu hören war, was vorne gesagt wurde. Anne Drescher lächelt. Mit Klappsitzen versuchen, die Kraft der Veränderung, letztlich die Revolution aufzuhalten. Damals war es deren Ernst.

10 316 Tage. So lange zerschnitt die Mauer die deutschen Staaten. Dass im Herbst 1989 etwas in der Luft lag, spürte Uta Loheit. Am allermeisten am 23. Oktober. Es war die erste Demonstration in Schwerin. Das Neue Forum hatte sie offiziell angemeldet, der nächste Akt der Selbstermächtigung. Die Bezirksleitung der SED stemmte sich dagegen, angeordnet aus Berlin, sie organisierte eine eigene Kundgebung vor dem Schloss. Vergebens. Knapp 40 000 Menschen zogen mit dem Neuen Forum durch die Stadt. Bewohner reichten Kerzen aus den Wohnungen. Loheit sucht nach Worten und findet „grandios“ und „überwältigend“.

Uta Loheit wollte nur reden. Sie wollte die Dinge verändern. Ohne es zu merken, brachte auch sie die Mauer zum Einsturz. Die aufregendste Zeit ihres Lebens. „Damals“, sagt sie, „ist der Himmel ein Stück aufgegangen.“