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Grenzenlos : Die Studentin ohne Abschluss


Ihre Zulassungsurkunde zum Studium hat Diana Buhse aufbewahrt. FOTO: KATHARINA GOLZE
Ihre Zulassungsurkunde zum Studium hat Diana Buhse aufbewahrt. 
FOTO: KATHARINA GOLZE
Groß waren ihre Erwartungen. Damals, 1988, als Diana Buhse Redentin, ein kleines Dorf bei Wismar, verließ und fürs Studium nach Rostock zog. Gerade mal 16 Jahre jung, frisch von der Schule. Zu Beginn ihres letzten Schuljahres hatte sie beim Fahnenappell ihre Zulassungsurkunde überreicht bekommen. Darauf geschrieben: „Die Zulassungskommission am IlF ‚Jacques Duclos‘ hat die Jugendfreundin Diana Schüssler für ein vierjähriges Studium am Institut für Lehrerbildung als Unterstufenlehrer Deutsch, Mathematik, Wahlfach Schulgarten zugelassen.“ Dass sie dieses Studium niemals beenden würde, ahnte sie nicht.

Diana Buhse wollte Grundschullehrerin werden, und die DDR ermöglichte ihr, dieses Fach mit einem Zehnte-Klasse-Abschluss zu studieren. „Man brauchte kein Abitur“, sagt die 47-Jährige. „Das war eine Auszeichnung, dass man zum Studium zugelassen wurde.“ Sie war die Einzige an ihrer Schule. Auch der Wohnheimplatz wurde vermittelt: ein Zwei-Bett-Zimmer mit Gemeinschaftsbad in Groß-Klein.

Am 1. September 1988 ging es dann los: Vorlesungen, Hausaufgaben, Vorträge halten. Immer in kleinen Seminargruppen. Auch Marxismus, Leninismus und Russisch standen auf dem Stundenplan. Und erste Praktika im Kindergarten und in der Schule. Damals hatten sie noch bis Sonnabendmittag Unterricht, die Wochenenden waren kurz. Anfangs fuhr sie mit dem Moped oder der Bahn und manchmal per Anhalter, wenn am Sonnabend kein Zug kam. Später mit dem eigenen Wartburg. „Unterwegs habe ich alle eingesammelt.“ Sie lacht, Erinnerungen an eine schöne Zeit. „Das Studentenleben war cool“, sagt sie. Oft war sie im Studentenclub, schenkte dort an der Bar aus. Mit Freunden fuhr sie zur Disco nach Bad Doberan. Beim Fasching tanzte sie durch die Nacht. Nicht selten schlich sie sich nachts wieder ins Wohnheim, Schließzeit war um 22 Uhr. Und die Heimleiterin ein „Hausdrachen“.

Nur ein knappes Jahr nach Studienbeginn dann, am 9. November 1989: „Wir saßen alle vor dem Fernseher im Wohnheim und waren fassungslos.“ Der Student vom Dienst, die Telefonwache, war im Dauereinsatz. Eltern riefen an, wollten ihre Kinder nach Hause holen. Trotzdem, am nächsten Tag saßen alle im Seminarraum, die Studienkurse liefen weiter. Aber Unsicherheit machte sich breit. „Mehr und mehr wurde gesagt: Dadurch, dass wir kein Abitur haben und das System dem Weststandard angepasst wird, kommen noch ein paar Jahre und noch zwei Jahre Referendariat dazu.“ Aus vier Jahren Studium wurden plötzlich acht. Und das ohne Jobsicherheit: „Die Aussichten, dass man einen Job kriegt, wenn man aus der Ostzone kommt, war fraglich.“

Sie fällt einen Entschluss, wie viele andere: Sie wird ihr Studium abbrechen. „Ich habe eine ganze Weile hin- und herüberlegt, aber ich hatte keine Lust mehr, bin mit Frust nach Rostock gefahren.“ Die einzige Bedingung ihres Vaters: Sie müsse erst etwas Neues haben, bevor sie aufhört. Also fuhr sie nach Lübeck zum Arbeitsamt und fragte nach Ausbildungsplätzen. „Dann hieß es Bewerbungen schreiben“, erzählt Diana Buhse. Eine Lehre als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte sollte ihr Plan B werden. Beim ersten Bewerbungsgespräch in einer Lübecker Kanzlei saß ihr Vater dabei, und es klappte. Also fuhr sie am 31. Juli 1991 wieder nach Rostock. Dieses Mal, um sich zu exmatrikulieren.

„Ganz, ganz viele haben aufgehört“, sagt Buhse, über die Hälfte schätzt sie. Genaue Zahlen gibt es nicht. Von zwei Kommilitoninnen weiß sie: Eine brach ab, die andere beendete ihr Studium. Für Diana Buhse war die Wende eine Chance auf einen neuen Lebensweg. Nach der Ausbildung blieb sie elf Jahre in der Kanzlei, heute ist sie bei der Gemeinnützigen in Lübeck. Mit ihrem Ehemann lebt sie in einem Häuschen im Grünen, in einem Dorf nahe Grevesmühlen. Sie hat gern unterrichtet, sagt sie, vor allem Deutsch. Aber sie bereue nichts. „Bei der heutigen Situation in den Schulen denke ich immer, du hast das Richtige getan.“